WamS, 2.9.2018 Bezahlbare Stadtwohnungen werden immer kleiner. Bei der Einrichtung ist nicht nur Einfallsreichtum gefragt, sondern handwerkliches Geschick. Möbel werden weggeklappt, jede freie Ecke als Stauraum genutzt.
Nach „arm aber sexy“ kommt nun „klein aber sexy“ – es ist die Hoffnung vieler Menschen im Wohnungsmarkt. Kann eine verringerte Fläche kompensieren, was Miet- und Preissteigerungen in den letzten Jahren verteuert haben? Schon 40 Prozent aller Haushalte in deutschen Großstädten müssen mehr als ein Drittel ihres Haushaltseinkommens für die Bruttokaltmiete aufwenden – ein beträchtlicher Anteil und nach Expertenmeinung auch deutlich zu viel. Und der Trend zum teueren Wohnen in den Städten ist noch nicht zu Ende. Fast wöchentlich geistern neue Horrormeldungen durch die Medien, zuletzt über ein Haus in Berlin, in dem den Mietern nach einer Sanierung rund 50 Prozent mehr an Miete abverlangt wird.
Wer in so einer Situation nicht in die Vorstadt will, dem bleibt nur ein guter Anwalt – oder die Flucht ins Kleine.
Die gute Nachricht dabei: auch aus winzigen Wohnungen kann man erstaunlich viel machen. Zahlreiche Beispielen dazu hat der Gestalten-Verlag in einem neuen Bildband zusammengetragen. Die „Super-Buden“ reichen von einem vorgefertigten, sechs Quadratmeter großen Raum, der in ein größeres Zimmer hineingestellt wird bis zu komplexen Einbaumöbeln, die man falten, schieben, ausziehen und klappen kann. Häufig mit dabei: das gute alte Hochbett, das in deutschen Studenten WGs der Siebziger Urstände feierte. Doch die Zeiten ändern sich: Das Hochbett 2018 ist ein durchdachtes Möbel, in dem je nach Situation noch ein Badezimmer, eine Küche oder diverse Schränke untergebracht werden können. Vier Balken vom Baumarkt reichen schon lange nicht mehr.
Allfällige Tricks um mit beschränktem Platz fertig zu werden sind große Spiegel und transluzente Trennwände – das bringt mehr Tageslicht in den Raum. Dazu kommen minimierte Verkehrsflächen: statt Treppen werden zum Beispiel Leitern eingesetzt und nur die wenigsten der kleinen Apartments haben Flur oder Diele. Der Preis dafür ist, dass man hinter der Haustür direkt in der Küche landen kann oder ein Sofa neben dem Herd plaziert werden muss. Eine gute Dunstabzugshaube, so viel ist sicher, gehört standardmäßig zu einem Miniapartment dazu. Stauraum findet sich unter Betten, Sitzmöbeln und Schreibtischen. Und auch über mancher Tür ist noch Platz. Am Ende gleichen die Kleinwohnungen begehbaren Kabinetten, in denen jeder Quadratzentrimeter durch Einbauten ausgenutzt wird.
An dieser Stelle wird auch deutlich, was die Wohnungen von ihren Vorgängern aus den zwanziger Jahren unterscheidet. Schaut man sich die Entwürfe der Bauhaus-Architekten an, die ja unter dem Banner der Rationalität und Platzersparnis angetreten waren, ist dort von Einbaumöbeln keine Spur zu sehen. Abgesehen von dem Sonderfall „Frankfurter Küche“ standen Betten und Schränke in den Interieurs jener Zeit geradezu arglos im Raum herum, mit viel Luft nach oben und zu den Seiten. Die Gründe dafür dürften zweierlei sein: Die Menschen besaßen einfach nicht so viele Konsumgüter, als dass sie dafür ausgefeilte Installationen hätten bauen müssen. Und: Komplexe Einbauten lohnen sich nur in Eigentumswohnungen. Wer mietet, muss beweglich bleiben, die nächste Mieterhöhung kommt bestimmt. Der neue Minimalismus unserer Zeit ist somit für die ärmeren unter den Wohlhabenden gemacht, aber ganz bestimmt nicht für Geringverdiener und Menschen, die zwei Jobs brauchen, um ihre Miete bezahlen zu können. Gemacht sind er auch für Metropolen mit extrem hohen Quadratmeterpreisen – nur hier hier entwickelt sich ein angemessenes Verhältnis von Immobilienkauf zu Entwurf und Einbau des aufwändigen Interieurs.
Zur Wahrheit unseres Wohnungsmarktes gehört aber auch, dass der Flächenverbrauch pro Kopf seit Jahrzehnten kontinuierlich wächst. Bewohnte ein Durchschnittsdeutscher um 1960 noch 16 Quadratmeter, sind es heute 46,5 Quadratmeter, Tendenz weiter steigend. Allein zwischen 2010 und 2016 nahm die tatsächlich genutzte Wohnfläche pro Person um 3,9 Prozent zu. Damit liegt Deutschland international weit vorn. In Russland stehen pro Kopf 22 Quadratmeter zur Verfügung, in Nigeria sechs Quadratmeter – letzteres entspricht den Zahlen für Mitteleuropa um 1900.
Die kulturelle Leistung, einen kleinen Raum kreativ zu organisieren, kann jedoch unabhängig von soziologischen und historischen Analysen gewürdigt werden. Eine komplette Wohnung für zwei Personen auf 13 Quadratmetern unterzubringen und dabei nicht das Gefühl von Klaustrophopie zu erzeugen, ist ein Bravourstück das nur versierten Innenarchitekten gelingt. So geschehen bei einem trapezförmigen Minihaus in London, das die Designer Nina Tolstrup und Jack Mama entwickelten. „Klassischer Wohnraum wird immer kostbarer und kostspieliger. Mit unserer Arbeit möchten wir moderne Lifestyle-Konzepte überdenken und Wohnraum neu gestalten“, erklärt Jack Mama: „Es wächst gerade eine ganze Generation heran, die nach Lösungen für alternatives Wohnen sucht“. Helle Hölzer und pastellige Farben bestimmen die Atmosphäre in seinem Einraumkonzept. Nur das Badezimmer ist abgeteilt. Fast jedes Möbel im Wohn, Ess und Küchenraum ist maßgescheidert und kann irgendwie weggeklappt oder ausgezogen werden.
Demgegenüber sind die 34 Quadratmeter, die den Architekten von Elii in Madrid zur Verfügung standen, geradezu üppig bemessen. Sie entwickelten ein Wohnkonzept auf zwei Ebenen. Der erhöhte Bereich schließt sich nahtlos auf Höhe des Küchentresens an und hat den Charme, dass man von dem dort plazierten Bett direkt zum Herd schauen kann – und umgekehrt. Die Schlafecke kann allerdings durch einen Vorhang abgetrennt werden. Der Platz darunter wird natürlich nicht verschenkt, sondern ist in Form von ausziehbaren Schränken organisiert. Eine besondere und aufgeräumte Atmosphäre erhält das Apartment durch hell-mintgrüne Verkleidungen, die sanft mit natürlichem Holz kontrastieren.
Überhaupt spielen die Oberflächen in den Miniapartments eine größere Rolle als anderswo – schließlich fehlen meist Wände, die tapeziert oder gestrichen werden müssen. Preiswerter Standard ist weißer Schleiflack, ein noch preiswerterer sind ungestrichene Pressholzplatten, die allerdings eine etwas ruppige Atmosphäre verbreiten. Neu ist ein Material namens Fenix NTM – NTM steht für Nano Tech Material. Die damit beschichteten Platten haben eine matte Oberfläche, auf denen fettige Fingerabdrücke nicht sichtbar sind. Die Platten, meist für Küchenarbeitsflächen verwendet, sind zudem stark beanspruchbar und kleine Kratzer kann man mit einem Bügeleisen ausbessern – so wie auch bei unbehandeltem Holz. Fenix wurde bei einem Pariser Apartment für eine Wohnbox eingesetzt, die Bett, Kleiderschrank und Badezimmer in einem ist. Mit seinem matten Schwarz verbreitet es darin eine ausgesprochen elegante Atmosphäre – so stilvoll, so phantasievoll kann Wohnen auf kleinem Raum aussehen.