Author Archives: Christian Tröster

Ab heute wird zurückgekuschelt – zerknautschte Möbel liegen im Trend

FaltenFAZFAZ 14.9.2017  Manche Designtrends geben einem zu denken: Neuerdings werden die Falten in Polsterstoffen von den Herstellern gleich mit eingearbeitet. Der zerwühlte Look signalisiert höchste Privatheit.

Es gibt Designtrends, über die kann man ins Philosophieren geraten. Das neuste aus dieser Kategorie sind Polstermöbel die aussehen, wie ungemachte Betten. Sollten die Polster bis dahin drall, schier und straff sein, werden jetzt vermehrt Möbel angeboten, deren Sitzflächen zerwühlt sind wie ein Bett, nach einer Liebesnacht.

Das ist eine Wende im Design, wie sie drastischer kaum ausfallen könnte, galten doch durchgesessene Polster bis vor kurzem noch als Klagegrund. Die Stiftung Warentest ermittelte 2016 die häufigsten Reklamationen nach einem Möbelkauf. Falten im Polsterbezug belegten dabei Platz eins. Auf Platz zwei standen Sitzmulden, die nach Auffassung der Käufer zu schnell nach dem Kauf entstanden waren. Ein Phänomen, über das sich zu räsonieren lohnte. Doch machen wir es kurz wie die Stiftung Warentest: Sowohl Falten als auch Kuhlen gelten als warentypisch, Reklamationen dürften kaum Erfolg haben.

Doch damit, dass die Falten schon von vornherein eingearbeitet werden, haben wohl weder die Produkttester noch die deutschen Gerichte gerechnet. Dabei reihen sich die so gestalteten Polstermöbel in eine lange ästhetische Tradition, beginnend beim höfischen „deranger du matin“ im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Damals erlaubten sich die Hofdamen kalkulierte „Nachlässigkeiten“, etwa das minimale Hervorschauen eines Untergewandes, um ein Bild von Privatheit gegenüber der offiziellen Kostümierung zu kreieren. In jüngerer Zeit hat sich das Motiv in den Frisurenbereich verlagert. Der „Out of bed“-Look gilt als hoch aktuell und ist natürlich nicht dadurch herzustellen, dass man einfach aus dem Bett steigt. „Wer sein Haar nicht korrekt unperfekt frisiert, sieht schnell ungepflegt aus“, warnt denn auch die Frauenzeitschrift Elle, und zeigt fünf ziemlich komplizierte Schritte zu einer Frisur, die nach Null-Schritte aussiehen soll. In ähnlicher Weise sind auch zerrissene Jeans codiert. Für die Löcher und Schnitte, die eifrige Mütter gleich reparieren wollen, haben Sohn oder Tochter im Zweifelsfall extra viel Geld ausgegeben: Hilfe, Mama will meine zerstörte Hose zerstören, indem sie sie „heil“ macht.

Aber zurück zu den Polstermöbeln. Das vielleicht radikalste Modell des neuen „out of bed“-Stils ist „Sfatto“ von dem italienischen Hersteller Edra – es gibt davon Sofa und Sessel. Das Modell kam 2011 auf dem Markt und kann als eine Art Trendsetter angesehen werden. Schon der Name signalisiert mehr als Lässigkeit, sfatto heißt „fertig“ im Sinne von heruntergekommen und wird im Italienischen auch für „ungemachtes Bett“ benutzt. So sieht Sfatto dann auch aus und weckt damit ambivalente Gefühle: einerseits eine Einladung, sich gehen zu lassen. Andererseits ein leichtes Erschrecken darüber, vielleicht ungewollt an der Privatheit anderer teilzuhaben. Wer legt sich schon gern in ein ungemachtes Bett, das nicht sein eigenes ist? Doch Designer Francesco Binfaré hat sein Möbel tiefer als bis zu den Falten durchdacht. Der Bezug ist mit komplexer Technik hinterlegt. In dem Sitzmöbel steckt eine Mechanik, mit der man die Arm- und Rückenlehnen in verschiedene Positionen knicken kann. Der Körper schmiegt sich also nicht nur ins Sofa, das Sofa kuschelt zurück. Der Faltenwurf des daunendeckendicken Bezugs ermöglicht die Bewegungsfreiheit des Möbels.

Auch der Hamburger Designer Sebastian Labs hat sich mit dem Thema beschäftigt. „Perfekt glatt gepolsterte Möbel sehen wir nicht als lebensnah an. Falten sind eine Form neuer Lässigkeit. Sie passen zu den eklektizistischen Einrichtungen, in denen wir heute leben“. In diesem Sinne gestaltete er den Sessel „584“ für Rolf Benz als „fettes Teil“ und „Loveseat de Luxe“ – so die Aussagen des Herstellers. Es folgte der Stuhl „641“, dessen Sitzfläche und Lehnen ebenfalls gefältelt sind. „Das ist eine aufwändige Entwicklung und technisch komplex“, erläutert Sebastian Labs, „eine ausgeklügelte Mischung aus ‚zu viel’ Textilien und einem Unterbau, der den Faltenwurf erlaubt. Die Polsterer arbeiten mit Abnähern und Absteppungen“. Das ambitionierte Ziel: Die Falten sollen im Laufe der Jahre nicht mehr werden – auf dass nicht noch jemand auf die Idee käme, den Faltenstuhl wegen falscher Falten zu beanstanden.

Nackte Tatsachen – Möbel werden rosa

PinkFAZFAZ 23.5.2017    Plötzlich ist die Welt rosa. Wie konnte das nur passieren? Ein scheinbar harmloser Farbton löst Diskussionen aus.

Nackt! Das muss man sich erst einmal trauen, einen Farbton so zu nennen. Gemeint ist ein irgendwie mattes Rosa, das die Einrichtungswelt aktuell wie eine Monsterwelle überflutet. Sessel, Türen, Teppiche, Hotelfoyers, Sofas – überall Variationen von pudrigem Pink. Auch bei Firmenlogos, in der Mode und auf Gebrauchsgegenständen setzt sich der Ton durch. Plötzlich ist alles „Nude“. Die Farbe wirft Fragen auf, nicht nur wegen des eigenwilligen Namens. Wobei man vorausschicken muss, dass die behauptete Nacktheit sich nicht auf alte weiße Männer bezieht. Sondern auf eine irgendwie idealisierte Teenagerphantasie von püppchenhafter Begehrlichkeit. Das ist natürlich gendermäßig unkorrekt und ruft Diskussionen hervor.

Doch zunächst: Wo kommt die Farbe überhaupt her? Warum jetzt? Und was will sie uns sagen? Die ersten beiden Fragen sind phänomenologisch zu beantworten: Plötzlich war Nude einfach da. Vielleicht als Reaktion auf die vielen Nicht-Farben, mit denen Polstermöbel zuletzt überzogen werden mussten, um teurer auszusehen, als sie sind. Eleganz hieß staubgrau oder quarkweiß, nur die Mutigen wagten mal ein keckes Beige.

Immerhin: Auf diese Weise ging wenigstens alles mit allem irgendwie zusammen. Aber „Ton in Ton“ ist ein harmoniesüchtiges Setting, spannungslos, irgendwie affirmativ und so öde, dass schließlich eine Reaktion erfolgen musste. Dass es dann ausgerechnet dieses hautfarbene Pink ist, gehört zu den Wendungen der Geschichte, von denen man erst hinterher weiß, dass sie zwangsläufig so geschehen mussten – wie der Fall der Mauer oder die Finanzkrise.

Doch immer braucht es für große Umbrüche Auslöser. Für die Farbe Nude vermuten einige, dass es Wes Andersons The Grand Budapest Hotel von 2014 war. Der Film ist eine Ausstattungsorgie in grellen Pink- und Rottönen und scheidet von daher wohl eher aus – zu wenig Puder, zu wenig Creme in der Farbpalette. Wahrscheinlicher schon, dass, wie so oft, Apple als Trendsetter agierte. Jedenfalls setzte das iPhone mit dem Farbton „rose gold“ in 2015 ein irritierendes Zeichen – dem viele folgten. Der Farbsysteme-Entwickler Pantone deklarierte im vergangenen Jahr den Ton „rose quartz“ zur Farbe des Jahres. Ein Jahr später kam „pale dogwood“, das irgendwie so ähnlich, nämlich mattrosa, aussieht. Danach war in der Designwelt kein Halten mehr. Möbelhersteller COR hat für die diesjährige Kölner Möbelmesse seinen Sessel Roc mit einem apricotfarbenen Bezug überzogen, Konkurrent Cassina schickte das Sofa Soft Props von Konstantin Grcic in ähnlichem Kostüm ins Rennen. Der spanische Designer Jaime Hayon stattete das Hotel Torre Barceló in Madrid mit tuffig-rosanen Sesseln, Wänden, Teppichen und Bildern aus.

Doch was genau ist „Nude“ eigentlich? Auf den ersten Blick erscheint es, dass vieles, was sich heute so nennt, gestern noch Apricot oder Lachsfarben hieß. Doch diese Benennungen werden der facettenreichen Bedeutung der neuen Farbe nicht gerecht. Sie unterschlägt die pudrig-pornographische Komponente und, schlimmer noch, den subtilen Bedeutungswandel von Farbe. Denn darüber, ob die klebrige Make-up-Assoziation ein frauenfeindlicher Fehlgriff sei, der nach einer Twitterkampagne #Aufschrei verlangt, oder ob die Verwendung der Farbe doch eher eine gebrochen ironische ist und damit eigentlich subversiv die Verwendung gängiger Klischees zugunsten von mehr Empowerment der Frauen unterläuft, streiten seither die Expertinnen.

Frauen, die solche Farben trügen, so folgert sie, stünden in einem Moment „ambivalenter Mädchenhaftigkeit“, in dem Weiblichkeit angenommen, aber mit Führungsansprüchen kombiniert werden könne. Doch Hyland warnt zugleich: „Da sind wir noch nicht. Es gibt immer noch eine Trennung zwischen den Frauen, die ein gerichtsfestes Rosa tragen könnten, mit allem, was es impliziert. Und Frauen, die auf so was allergisch reagieren.“

Vielleicht aber ist alles auch nicht so dramatisch, jedenfalls im Interior Design. Erstens sind Sofas keine menschlichen Körper, und zweitens kommt es auf die Kombination an. Denn all das pinkisch-pudrige-porno Rosa bringt in Kombinationen mit anderen Farben richtig frischen Wind in unsere Räume. Besonders gut funktioniert das in der Kombination mit Schwarz oder Anthrazit, hervorragend ist auch eine Mischung mit anderen Rot- und Pinktönen. Oder mit einem krassen Blau. Wer’s nicht glauben will, der schaue sich das Barceló-Hotel von Jaime Hayon an.

Nude in diesen unwahrscheinlichen Kombinationen ist eine Befreiung für die Seele und für den Farbensinn ein Erfrischungsgetränk ohne Nebenwirkungen. Nude belohnt den, der das Unmögliche wagt, mit einem kräftigen Schuss Lebensfreude, und das sollte doch – Ironie hin oder her – politisch korrekt sein.

Stadt statt Siedlung – der Deutsche Werkbund geht mit der Zeit

WerkbundsTADTA&W 2/2017   Mit der „Werkbundstadt“ in Berlin erfindet sich der Werkbund neu. Kopf des Projekts ist der Architekt Paul Kahlfeldt. Als Moderator und Stratege hat er eine Gruppe von Architekten zusammengeführt und betreibt mit ihnen die Wiedergeburt einer großen Idee: Gestalter und Hersteller entwickeln ein zukunftsweisendes Wohnquartier – mit konservativem Anstrich.

Werkbund und Weißenhofsiedlung sind legendäre Begriffe in der deutschen Architektur. Die Siedlung in Stuttgart, entstanden 1927, steht für den Durchbruch des Bauhaus’ zur internationalen Geltung – unter der Leitung von Mies van der Rohe waren gleich mehrere Jahrhundertarchitekten an der Planung beteiligt.
Den Deutschen Werkbund gibt es immer noch, aber ein Projekt von ähnlicher Bedeutung ist ihm nicht mehr gelungen. Was später realisiert wurde blieb unscheinbar. Was herausragte, wurde nicht realisiert, wie 2007 die Bebauung des Wiesenfeldes in München nach einem Plan von Kazunari Sakamoto. Der Werkbund erschien wie eine Marke, die eher nachglühte als dass sie Energie ausstrahlte.
Heute ist Paul Kahlfeldt der Vorsitzende des Werkbundes und er sagt Sätze wie: „Wenn etwas gut ist, warum soll man es neu erfinden?“ Bewährtes geht vor Innovation? Solche und ähnliche Aussagen haben in der Vergangenheit vor allem in der Berliner Architektur für erbitterte Polemiken gesorgt, Kahlfeldt gilt zusammen mit seiner Frau Petra als ein Vertreter des konservativen Bauens. Er ist bekannt für einen gediegenen Klassizismus mit Säulen, Erkern und Gesimsen. Die Moderne von Bauhaus, Le Corbusier oder Weißenhofsiedlung ist an seinen Villen spurlos vorübergegangen.
Für viele seiner Kollegen ist ist das irgendwie Pfui-Architektur. Doch die Geschichte ist auch in der Architektur immer wieder für Überraschungen gut: Der Meister der Säulen und Gesimse wurde zum Glücksfall für den Werkbund 2017. Denn Kahlfeldt, der über viel Witz und ein lockeres Mundwerk verfügt, kann auch vermitteln und versöhnen…. (bitte fordern Sie den vollständigen Artikel bei mir als PDF an) 

Die Elbphilharmonie – Symphonie aus Stahl und Glas

ELPHIArchitektur&Wohnen 1/2017 Die Hamburger Elbphilharmonie ist das deutsche Architekturereignis 2017.  Der schwungvolle Bau leuchtet als neues Wahrzeichen der Stadt. Die Akustik im Saal ist atemberaubend. 

Selten sind die Gebäude, die uns Staunen lehren. Die Hagia Sophia in Istanbul mag dazugehören, die gotischen Kathedralen in Frankreich oder einige Bauten von Frank Gehry. Und nun also die Elbphilharmonie, ein Konzerthaus, das im pragmatischen Hamburg steht und dort ausgerechnet auf einem alten Speicher im Hafen. Tatsächlich ist die „Elphi“, wie sie liebevoll genannt wird, ein unwahrscheinliches Gebäude. Das räumt sogar Jaques Herzog ein, einer der Architekten. Was umso mehr erstaunt, als sein Büro Herzog & de Meuron schon titanische Projekte wie das Olympiastadion in Peking, die Allianz Arena in München und das Museum Tate Modern in London realisiert hat. Was könnte so erfahrene Architekten noch überraschen?
Hamburg konnte es. … (bitte fordern Sie von mir ein PDF der gesamten Reportage an)

 

Einrichten per App

FAZEinrichtenWischFAZ 12.2.2017  Dank neuer Apps kann sich jeder als Innenarchitekt versuchen. Doch halten die zahlreichen Programme, was sie versprechen? Ein Selbstversuch.

Sie heißen Roomle, Roomplanner oder Home Design 3D, und ihr Versprechen ist magisch: Ruck, zuck entwirfst du auf deinem Tablet-Computer einen Grundriss, platzierst darin Möbel, Leuchten und Teppiche und schaust dir das Ganze als Animation in Farbe und 3D auf dem Bildschirm an. So kann deine Wohnung bald aussehen, und wenn’s nicht gefällt, werden die Möbel in der Darstellung einfach ausgewechselt.

Was bis vor kurzem noch das Handwerkszeug weniger Spezialisten war, erscheint auf einmal massentauglich. Mit den passenden Apps können auch Hausfrauen, Studenten oder Journalisten mit zwei linken Händen sich als Interior Designer fühlen. Wo gestern mit Zollstock und Wasserwaage hantiert wurde, soll nun ein Tablet-Computer das Werkzeug sein: Mit ein paar Fingerwischs entstehen nicht nur neue Wohnwelten, sondern auch noch die passenden Visualisierungen.

Doch wer einmal versucht hat, seine neue Windows-Version mit alten Grafikkarten zu synchronisieren oder sich mit unausgereifter Software auf seinem Smartphone herumgeschlagen hat, weiß, dass gegenüber den Verheißungen auch Misstrauen angebracht ist: Famose Demo-Videos zeigen allzu oft eine geschönte Version der Wirklichkeit.

Also ausprobieren. Wir haben uns einige der gängigen Einrichtungs-Apps auf einem iPad Pro angeschaut. Dieselben oder vergleichbare Programme gibt es auch für Android-Smartphones und Tablets. Neben beschränkten Basisversionen gibt es meist Versionen mit deutlich erweitertem Funktionsumfang für Preise zwischen 10 und 20 Euro.

Die bestechendste Funktion der Programme heißt Augmented Reality und funktioniert folgendermaßen: Man richtet aus der entsprechenden App heraus die Kamera in einen Raum, zieht aus der Randspalte die Abbildung eines Möbelstücks in den Raum und – voilà – da steht dann der neue Stuhl im eigenen Wohnzimmer. Und nicht nur das. Man kann – weil es sich bei der Abbildung nicht um ein Foto, sondern um einen Datensatz zur dreidimensionalen Darstellung handelt – das Modell drehen und so im Raum ausrichten, wie man möchte.

Anschließend kann man mit dem iPad als Sichtfenster um das Objekt herumgehen und es samt seiner neuen Umgebung von allen Seiten betrachten. Das ist spektakulär und funktioniert zum Beispiel gut mit der App „Pair“. Zwar fliegen die ausgewählten Möbel in unserem Test zunächst wie Luftballons durch den Raum, doch mit ein bisschen Übung hat man die Technik im Griff. Am Ende jedenfalls steht ein virtueller Stuhl gleichberechtigt neben einem echten im Bild. „Seit zwanzig Jahren“, kommentiert Christian Zöllner von der Visualisierungsagentur Bloomimages in Hamburg, „reden alle davon, dass Augmented Reality anwendungsreif sei, doch lange passierte wenig. Jetzt scheint es eine Technik für jedermann zu werden.“

Funktioniert die Technik auch gut, ein Knackpunkt von „Pair“ ist die Auswahl der Möbel. Alle gewählten Modelle kann man im Prinzip mit einem Klick im Internet bestellen. Doch stellt „Pair“ nur zu amerikanischen Online-Shops durch, so dass man nicht einmal Möbel des deutschen Herstellers Vitra erwerben kann. Die Verknüpfung von Interior-Design mit realen Produkten, was eigentlich der wahr gewordene Traum eines jeden Produzenten sein müsste, entpuppt sich als die Schwachstelle in allen getesteten Apps. Es klappt einfach nicht.

Bei der App „Living Room“ von Oleksander Rysenko zum Beispiel, stammen die Möbel überwiegend von Ikea. Doch der Hersteller scheint hier nicht mit an Bord zu sein, die App ist kein Katalog, eine größere Auswahl von Modellen ist nur in der Bezahlversion für 19,99 € erhältlich. Dafür gibt es im Menu die charmante Zusatzinformation „Raumdekoration Kosten“. Die werden in unserem Beispiel mit 6544 Euro angegeben. An den Sesseln Sosta (je 59,99 Euro) und der Stehleuchte Kvart (39,99 Euro) kann das nicht liegen, das Sofa Exarby ( zweimal 65 Euro) ist in Deutschland ohnehin nicht erhältlich. Vielleicht liegt es aber auch am Kamin, Modell Napoleon Georgia für 844 Euro, der nicht von Ikea stammt. Ein Blick auf die virtuelle Rechnung zeigt zudem erschreckende 4220 Euro für Bodenbeläge und Wände. Wir wissen nicht, wie diese Summe zustande kam und ob wir diese Kalkulation für falsch oder für realistisch halten sollen. Unklare und überraschend hohe Kosten beim Einrichten kommen uns andererseits seltsam bekannt vor – deshalb an dieser Stelle keine Einwände.

Auch wenn die meisten Apps in Sachen Möbelkauf noch nicht funktionieren, wird ihr großes Potential deutlich. Sie können den Innenarchitekten-Entwurf mit konkreten Produkten und Kalkulationen verknüpfen und auf diese Weise die Digitalisierung der gesamten Kette vom Design über die Produktion bis zum Handel revolutionieren. In vielen Branchen wird so etwas unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ diskutiert. Wie es schon heute geht, zeigt als einer der wenigen der polnische Regalhersteller Tylko. Er bietet ein Regal an, das man in Höhe, Breite, Material und Fächeraufteilung in der gleichnamigen App selbst konfiguriert. Anschließend kann man das maßgeschneiderte Modell mittels Augmented Reality im eigenen Zimmer visuell überprüfen und bei Gefallen direkt ordern. Die Lieferzeit beträgt laut Hersteller vier bis sechs Wochen.

Unabhängig von Augmented Reality und Instant-Konsum bieten die besten unter den Einrichtungs-Apps Gestaltungsfunktionen bis hin zum Entwurf eines ganzen Hauses an. Wir haben in der App Roomle ohne Vorbereitung mit dem Finger einen Grundriss auf dem iPad gezeichnet. Doch nur mit Geschick ist es möglich, die gewünschten Maße exakt zu erreichen. Außerdem verschieben sich die Wände oft beim Anfügen von Fenstern oder Türen, das ganze System scheint nicht eingestellt auf die Möglichkeiten einer ungeübten Hand. Doch nach einer kleinen Einarbeitung finden wir eine Maske, in der man die gewünschten Daten eintragen kann – die Wände richten sich entsprechend aus.

Nachdem der Grundriss samt Fenstern und Türen installiert ist, wagen wir uns an die Einrichtung. Als Problemfall erweist sich der Teppich, der, obwohl seine Maße identisch mit dem Zimmer sind, nicht passt. Womöglich ein Anfängerfehler unsererseits, einer von vielen: Im ersten Anlauf rutschen uns die Fenster auf die Scheuerleisten und alle Stühle schauen gegen die Wand – alles Probleme, die sich als lösbar erwiesen. Schon im zweiten Anlauf gelingt uns ein Ambiente, bei dem wir alles wie gewünscht plazieren können. Auch die Auswahl der Wand- und Teppichfarben ist zufriedenstellend, schließlich installierten wir als Wandschmuck noch ein Bild, das wir in Größe und Position anpassen können und sind zufrieden.

Bei der App „Home Design 3D“ machen wir uns den Start leichter und wählen als Ausgangspunkt einen vorgegebenen Modellraum. Den wollen wir nach eigenem Geschmack variieren. Etwas Verwirrung verursacht zunächst der Versuch, Tapetenmuster und Bodenbeläge zu installieren. Doch die Lösung ist so einfach, dass wir zunächst nicht darauf gekommen sind: Man zieht die gewünschten Muster einfach auf die entsprechenden Flächen. Zudem kann man bei „Home Design 3D“ eigene Fotos zum Beispiel für den Wandschmuck importieren. Charmant ist eine Option für Lichtstimmungen: Der Einfall des Tageslichts wird, je nach Tageszeit, verblüffend realistisch dargestellt. Wie auch bei Roomle sind die Maße der Objekte variabel, man kann also zum Beispiel ein Sofa genauso abmessen, wie man es braucht – wobei man dann im Ernstfall genauso eins auch finden müsste. Für den Raumeindruck jedoch ist das Verfahren hilfreich. „Home Design 3D“ erweist sich als brauchbare App, die in der Funktionalität sehr ähnlich ist wie Roomle.

Herausragend dagegen kommt uns die App „Room Planner“ vor. Sie stammt von dem Unternehmen Chief Architect und man merkt ihr den professionellen Hintergrund an. „Room Planner“ kombiniert eigene Raumentwürfe mit Elementen von Augmented Reality. Hat man einen Raum eingerichtet, was in etwa so funktioniert wie bei den zuvor genannten Programmen, kann man sich bei „Room Planner“ mit dem iPad in dem virtuellen Raum bewegen. Man trägt dazu das Tablet wie einen Rahmen vor sich her. Wenn man sich damit nach rechts dreht, sieht man den Küchentresen, dreht man sich nach links, erscheint die Sitzecke, in der man gerade mit einem Fingerwisch ein neues Sofa plaziert hat. Man kann sich ihm nähern und es umkreisen. Das vermittelt nicht nur eine lebendige räumliche Erfahrung, sondern auch den Eindruck, man sei technisch auf der Höhe der Zeit.

Mit den beschriebenen Einschränkungen sind die Apps alltagstauglich. Sie erfordern allerdings eine Einarbeitungszeit, die sich für eine einmalige Nutzung kaum lohnen dürfte. Auch bleiben die Bilder atmosphärisch oft kalt. Materialien, Oberflächen und Lichtstimmungen – also all das, was Wohnlichkeit ausmacht – bilden sie nicht befriedigend ab. Christian Zöllner hält dieses Problem jedoch für lösbar: „Es wird darauf hinauslaufen, dass die Rechenleistung ausgelagert wird. Die Daten werden zu einem Großrechner geschickt, von dort bekommt der Nutzer ein hochauflösendes Bild mit guten Texturen.“ Es scheint, als könnten sich die Apps, neben Bleistift und Zollstock, einen sicheren Platz als Planungshilfe erobern – für Bastler, Träumer und Handwerker.

Lebensmittel Licht

lichtnextNEXT. So leben wir morgen. (RWE-Magazin) 2/2012

Licht ist immer und überall und wird genau deshalb oft übersehen. Aber nicht von Ulrike Brandi. Deutschlands bekannteste Lichtplanerin weiß wie man damit Räume inszeniert und Atmosphäre schafft – und gibt Tipps zu Technik, Atmosphäre und gesundem Umgang mit Licht.

Wenn der Mensch eine Lampe kauft, achtet er vor allem auf das Design. Ist der Schirm schön? Gefallen Material und Stil, passt alles zur Wohnung? Berechtigte Fragen. Doch spricht man Ulrike Brandi, Deutschlands bekanntester Lichtplanerin, darauf an, weist sie auf etwas anderes hin: „Was passiert mit dem Licht, wenn es die Leuchte verlassen hat?“ Tritt es punktförmig aus oder diffus, ist es warm oder kalt, und was macht es mit den Wänden, den Materialien, dem Raum und wirkt es schließlich auf die Menschen? So sehr haben Fragen wie diese sie fasziniert, dass sie schon während des Design-Studiums das Entwerfen von Leuchtkörpern sein ließ. Sie beschäftigte sich nur noch mit dem Licht selber und wurde Lichtdesignerin. Vor 25 Jahren war das ein exotischer Beruf und bis heute ist es einer, der in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Ulrike Brandi hat mit ihrer Profession dennoch eine rasante Karriere gemacht. Mit ihren Büros in Hamburg, München und zwischenzeitlich auch Peking, hat sie Kirchen beleuchtet und Museen, Geschäfte, Büros, Krankenhäuser, Schwimmbäder und ganze Städte. Zwischen dem Mercedes Benz Museum in Berlin, der Elbphilharmonie in Hamburg und der Zentralbank von Kuala Lumpur gibt es keinen Bautypus, für den sie nicht schon einmal angemessenes Licht, schöne Atmosphäre oder gute Orientierung entwickelt hätte. Die lange Liste ihrer Projekte, es sind mehr als achthundert in elf Ländern Ländern, sagt aber auch etwas scheinbar Selbstverständliches aus: Licht ist immer und überall, es ist ein Baustoff in der Architektur und Leitplanke im Verkehr, es ist Lebensmittel, Stimmungsmacher und Medikament in einem – und wird dabei doch so oft übersehen: Dass es da ist merken wir vor allem, wenn es stört.

Wenn das der Fall ist, befindet man sich vermutlich nicht in einem Projekt von Ulrike Brandi. Denn die Designerin hat eine differenzierte und sensible Strategie für den Umgang mit Licht entwickelt: „Wir arbeiten mit Blick auf die Menschen, die damit später zu tun haben. Die Technik muss dem Menschen dienen, nicht umgekehrt“. Klingt wie eine Allerweltsweisheit, ist es aber nicht. Beim Bahnhof Berlin Alexanderplatz, erinnert sie sich, waren über den Bahnsteigen Leuchten in drei Meter Höhe vorgesehen. Die gaben ausreichend Licht und ließen sich gut warten – für Ingenieure der Bahn war die Lichtplanung damit abgeschlossen. Nur hatten sie dabei übersehen, dass sich über den Bahnsteigen auch noch eine historische, 30 Meter hohe Bahnhofshalle befindet. „Wir haben durchgesetzt, dass die Hallendecke leicht angestrahlt wurde“, erinnert sich Ulrike Brandi, „erst dadurch konnte sie auch im Dunkeln überhaupt sichtbar werden. Was für ein Raumerlebnis für die Menschen!“. Ulrike Brandi beschreibt damit zugleich ein Prinzip, das ihre Arbeit wie ein roter Faden durchzieht. Nicht einzelne Objekte will sie anstrahlen, sondern Kontext durch Licht erlebbar machen. Dazu gehört auch der bewusste Umgang mit der Dunkelheit. „Will man in einem Park die Wege nachts sicher machen, dann sollte man sie nicht zu hell beleuchten“, sagt sie. Das Auge stellt sich auf starke Helligkeit ein, das umgebende Dunkel wird dadurch in der Wahrnehmung zu einer schwarzen Wand. Auf diese Weise entsteht das Paradox, dass man durch mehr Licht weniger sieht – was dann oft in der unreflektierten Forderung nach noch mehr Licht endet. „Ein intelligenterer Weg ist es, die Wege nicht grell zu beleuchten“, sagt Ulrike Brandi, „dafür aber die anderen Räume des Parks mit wenig Licht zu akzentuieren. Erst dann kann der Spaziergänger auch nachts den umgebenden Raum wahrnehmen. Dadurch erhält er Orientierung und ein Gefühl der Sicherheit“.

Nach dieser, am Menschen orientierten Design-Auffassung, wundert es nicht, dass Ulrike Brandi auch dem aktuellen Hype um die LED kritisch gegenüber steht. „Die Industrie hat sich nur auf die Effizienz fokussiert, dabei aber die Lichtqualität vergessen“, sagt sie. Das Ergebnis sind die bekannten, scharfen Lichtpunkte der LED. Die blenden und werfen scharfe Schatten. Für Wohnung sind LED-Lampen also nicht in jedem Falle geeignet, selbst nicht in Form der sogenannten Retrofits – das sind jene LED, die in die Fassung klassischer Glühbirnen geschraubt werden. Ulrike Brandi hält diese Leuchtmittel für mindestens fragwürdig. „Die Retrofits erinnern mich an die ersten Autos, die wie Kutschen aussehen sollten“, analysiert Brandi, „sie orientieren sich an der Vergangenheit, nicht an ihrem eigenen, großen Potenzial. Beim Licht befinden wir uns heute in einer Übergangszeit. Es gibt viele spannende Optionen für die Zukunft, gerade mit LED“. Die wichtigste Neuerung dabei ist die Möglichkeit zur Steuerung. Denn mit den Leuchtdioden kann man nicht nur einfach dimmen, sondern auch die Lichtfarbe ändern. Von neutralweiß über tageslichtweiß bis warmweiß. Damit ist es möglich, besser auf die emotionalen Bedürfnisse und den Biorythmus des Menschen einzugehen: helles, weißes Licht zum Arbeiten, warmes für private Bedürfnisse und für Zeiten der Ruhe. Dunkelheit sollte dagegen in der Nacht herrschen. Denn wer gut schlafen will, kann dies am besten im Dunkeln. Nächtliches Licht, auch Streulicht von Straßenlaternen, Werbetafeln oder Displays in der Wohnung, stört erwiesenermaßen den Serotonin- und Melatoninhaushalt des Menschen und hat negativen Einfluss auf die Gesundheit. Wer über Licht nachdenkt, weiß Ulrike Brandi, sollte die Dunkelheit gleich mit planen. Erst zusammen machen sie ein Ambiente aus, das dem Menschen gut tut.

Der Trick mit dem Tageslicht

IMG_1041Welt am Sonntag 08.04.2012

Energiesparen wird für deutsche Bauherren immer wichtiger – viele rüsten daher auf digitale LED-Leuchten um. Doch eine einfachere und günstigere Lösung ist Sonnenlicht-Architektur

Alle reden von LED. Klein, effizient und flexibel gelten die Lichtpunkte derzeit als Wundermittel unter den Leuchtmitteln. Endlich, so jubeln Fachleute, sind nicht nur farbige Leuchtdioden möglich, wie man sie schon lange von Stereoanlagen, Computern und Weihnachtsbeleuchtung kennt. Heute sind weiße LED marktreif, und zwar in allen Varianten, die der Konsument begehrt: von warmweiß bis tageslichtweiß, für Anwendungen von der Bürobeleuchtung bis zum häuslichen Bereich. Die Dioden stehen für ein Lichtspektrum, in dem man besonders gut arbeiten kann und für ein Licht, das mangels UV-Anteil Objekte weder ausbleicht noch erwärmt. LED stehen weiterhin für Leuchten, die sich gut dimmen lassen und mit denen man unterschiedliche Lichtstimmungen modulieren kann. Wegen all dieser Vorteile werden die LED nach Auffassung vieler Fachleute nicht nur die Glühbirne ablösen sondern auch Leuchtstoffröhren, Halogenleuchten, Quecksilberdampflampen und die eben noch neu gewesenen Energiesparlampen. „Wir sind soweit“, sagt Bernd Glaser vom Lampenhersteller Philips, „dass wir die konventionellen Leuchten weitgehend durch LED ablösen können“. Eine 12 W LED, rechnet er vor, ersetzt eine übliche 60 W Glühbirne, verbraucht also nur ein Fünftel der Energie, ein starkes Argument für energiebewusste Bauherren und Mieter. Unter den heute gegebenen Umständen, so die Lichtfirma Siteco, verursacht Beleuchtung noch mehr als ein Viertel des Energieverbrauchs in einem Gebäude.

Doch wie so viele vermeintliche Vorteilsprogramme hat auch die LED einen Haken: um sparen zu können muss man erst einmal investieren: LED sind vergleichsweise teuer. „Aber“, verrät Bernd Glaser, „wir die Preise im letzten Jahr halbiert und dieses Jahr noch mal vermindert. Deshalb können wir eine 12 W LED Lampe nun für 20 Euro anbieten“. Ob die jedoch eine ausreichende Qualität mitbringt, bezweifelt die Hamburger Lichtplanerin Ulrike Brandi. „Eine gute LED Lampe kostet sechzig bis siebzig Euro“, sagt sie. Eine Amortisation der Anschaffungskosten gegenüber den viel billigeren Glühbirnen oder anderen Leuchtmitteln dauert damit Jahre bis Jahrzehnte, was auch die Experten von Philips einräumen. „Ihre ganze Qualität entfaltet die LED erst in Zusammenhang mit der Steuerung“, sagt deshalb Bernd Glaser. Weil das Licht darin digital erzeugt wird ist, ist es geschmeidig regelbar wie die Farbskalierungen auf einem Computerbildschirm. „Wir haben eine Leuchte im Angebot“, erzählt Bernd Glaser, „die kann man mit einer Fernbedienung über ein Farbrad steuern – und unter 16 Millionen Farben auswählen“  – von Zahnarztweiß bis Bordellrot mit einem Finger-Wisch. Kombiniert mit Tageslichtsensoren kann man solche Steuerungen auch automatisieren und zum Beispiel Kunstlicht im Büro nahtlos im Verhältnis zum Tageslicht   regeln.

Womit man beim Lieblingsthema von Ulrike Brandi ist. Für die Designerin, die als First Lady des Lichts in Deutschland gilt und Projekte von Saudi-Arabien bis China managt, ist das Tageslicht mit all seinen Stimmungen der Ausgangspunkt aller Lichtplanungen. „Man kann es zum Beispiel mit geteilten Jalousien sehr genau steuern“, berichtet sie. Im unteren Bereich, vor den Arbeitsplätzen, blenden solche Systeme direktes Licht aus. Im oberen Drittel haben sie einen anderen Anstellwinkel und leiten es an die Decke, von wo es in angenehmer Weise reflektiert. Der Tageslichteintrag wird auf diese Weise optimiert, die Lampen müssen viel später eingeschaltet werden, laufende Energiekosten für Tageslicht: Null. In ähnlicher Weise funktionieren Prismensysteme, die zwischen Fensterscheiben installiert werden können. In südlichen Ländern, erklärt Ulrike Brandi, können auch Heliostaten sinnvoll sein. Die Spiegel, die der Sonne nachgeführt werden, leiten natürliches Licht zielgerichtet in Atrien oder Eingangshallen.

Richtig sinnvoll kann das Tagelicht aber nur dann genutzt werden, wenn schon die Architektur darauf ausgerichtet ist. „Tageslichtplanung“, sagt Brandi, „war immer eine Kompetenz der Architekten, wie man schon am Pantheon in Rom ablesen kann. Seit der Einführung der Elektrizität ist das Licht aber immer mehr Sache von Elektroningenieuren geworden“ – mit verheerenden Konsequenzen für die Architektur. Da wurden Bürohäuser mit so großen Raumtiefen geplant, dass die Nutzer an allen Tageszeiten auf Kunstlicht angewiesen sind. Oder die Räume sind zu niedrig ausgelegt – mit gleichem Ergebnis. Vollflächige Glasfassaden sind nach Ulrike Brandi auch kein Allheilmittel – schließlich kann ein Raum auch zu viel Sonnenlicht bekommen und sich aufheizen, von Blendeffekten ganz zu schweigen. „Berücksichtigt man das Licht, ist die Idee unverständlich, dass alle Seiten eines Bürohauses gleich aussehen müssen, wie bei den meisten Hochhäusern“, sagt sie. Logisch und kostengünstig wäre es dagegen, großflächige Glasfassaden nur nach Norden zu installieren, nach Süden und Westen dagegen Lochfassaden. Dass Tageslicht und damit die monatliche Stromrechnung auch bei Wohnhäusern schon durch die Architektur optimiert werden können zeigt ein aktuelles Projekt aus Berlin. Der Architekt Arno Brandlhuber errichtet dort in einer Baulücke ein gemischtes Büro- und Wohngebäude, das relativ geringe Raumtiefen aufweist, sich zur Straße und nach Süden hin verschlossen gibt und auf der dunkleren Hofseite mit großen Glasfenstern aufwartet. Sogar das Dach würde dem Sonnenstand angepasst. Um ausreichend Licht in den Hof zu bringen wurde es nach hinten angeschrägt – für helles Licht ohne Stromrechnung.    Christian Tröster

Welt aus dem Drucker

NEXT3DNEXT. So leben wir morgen (Hrsg: RWE) , Heft 2/2013

Von Möbeln bis zu menschlichen Organen – das Drucken von dreidimensionalen Objekten setzt sich immer mehr durch. Die neue Technologie verspricht spektakuläre Ergebnisse.

von Christian Tröster

Die Zukunft schmeckt süß und sieht aus wie eine Torte. Wer die Kuchen aus dem Sugar Lab in Los Angeles probiert, hat ein Stück Hightech im Mund: Deren Ornamente und Verzierungen aus Zucker sehen aus wie moderne Architektur. Sie kommen nicht aus der Konditorspritze und wurden auch nicht von Hand geformt, sie sind am Computer entworfen und mit einem 3D-Drucker produziert – aus der Düse frisch auf den Tisch.

Ob’s schmeckt? Ganz gewiss, die Leckereien aus der Hightech-Backstube sind bei den Schönen und Reichen von Hollywood heiß begehrt. Doch über den Glamour-Faktor hinaus werfen sie die Frage auf: Drucken in 3D, geht das überhaupt? Und ob. 3D-Drucker arbeiten im Prinzip wie Tintenstrahldrucker. Bloß tragen sie mit ihren Düsen nicht Farbe sondern Materialien auf, Punkt für Punkt, Schicht für Schicht, bis eine Zahnprothese, eine Tortenverzierung oder ein Maschinenteil entstanden ist. Das Verfahren ist ausgereift, funktioniert in der Industrie problemlos und dringt nun – das zeigt das Beispiel der Hochzeitstorten – ins tägliche Leben ein. Mit 3D-Druckern werden Textilien, Fahrräder oder Lampenschirme produziert, ganze Häuser oder künstliche Körperteile für den Einsatz in der Medizin. Die Maschienen arbeiten mit so unterschiedlichen Materialien wie Plastik, Metall, Gummi oder Zement und stehen in Architekturbüros, Designstudios und Maschinenfabriken. Sogar die Kölner Stadtbibliothek hat einen. Im Februar präsentierte sie das Gerät, an dem sich ambitionierte Hobbybastler ihre Modelle ausdrucken lassen können. Bald, so prophezeien es Fachleute, werden die Wundermaschinen auch in vielen Privathaushalten zu finden sein, so wie heute schon Computer, Scanner oder gewöhnliche Farbdrucker. Glaubt man den Experten, bedeutet das nicht weniger, als noch eine, schon wieder eine industrielle Revolution.  „3D-Druck“, verkündet vollmundig der amerikanische Technik-Guru Chris Anderson, „wird bedeutender als das Internet.“ Und sein Kollege Neil Gershenfeld vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston ist sicher: „Die 3D-Drucktechnik wird nicht nur die Machtverhältnisse in der industriellen Fertigung neu ordnen, sondern die Wirtschaftswelt als Ganzes erschüttern.“

Tatsächlich wird mit den Druckern ein Trend fortgesetzt, der schon in der heutigen Industrie angelegt ist, der Trend zu immer individuelleren Produkten. Einzelfertigung und Kleinserien sind die größten Vorteile der neuen Technologie. Ist etwa ein Brillenbügel zerbrochen, scannt man ihn ein (zum -Beispiel mit der kostenlosen App 123D Catch im iPhone) und druckt ihn neu aus. Braucht man nach einem Armbruch einen Stützverband, scannt man den Körper und druckt dazu passend eine Stütze aus Plastik aus. Die ist leichter, abwaschbar und hygienischer als der traditionelle Gipsverband. Die Drucker ermöglichen zudem die Herstellung von Formen, die so mit keinem anderen Verfahren machbar sind: Hohlkörper und dreidimensionale Gitter- oder Stützstrukturen. Auf diese Weise können zum Beispiel Flugzeugteile gebaut werden, die im Inneren poröse Strukturen aufweisen, ähnlich wie Vogelknochen. Sie sind dadurch leichter als herkömmliche Massivteile aber genauso stabil. Beim Hersteller EADS (Airbus) sind solche Bauteile bereits im Einsatz.

Befinden sich 3D-Drucker einmal in jedem Bastelkeller – einfache Geräte sind bereits ab 1000 Euro erhältlich –  könnte das die Abläufe der westlichen Industriegesellschaften tatsächlich verändern. Der Konsument kauft dann keine Produkte mehr, sondern Datensätze – und druckt sich damit, was er braucht. Es gibt bereits Kaufhäuser im Internet, die genau dies anbieten, etwa die Plattformen Thingiverse in den USA oder MakeMe des niederländischen Designers Joris Laarman. Würde solches Einkaufsverhalten zur Massenbewegung, wären Hersteller davon ebenso betroffen wie Handel und Logistik. Und die Anwälte hätten reichlich Gelegenheit über das Copyright am Design zu streiten. So wie heute Musikstücke, könnten dann Designdaten für Sonnenbrillen oder Schuhe über Tauschbörsen im Netz legal oder illegal verbreitet werden.

Davor steht noch, dass die 3D-Drucker
zwar preiswert, aber noch nicht einfach zu bedienen sind. Und sie sind langsam. Selbst einfache Objekte zu produzieren dauert Stunden, für ein komplexes Teil braucht man Tage. So sind es derzeit vor allem Spezialisten und Avantgardisten, die die Möglichkeiten des neuen Verfahrens ausloten.

Ganz vorne mit dabei ist die niederländische Modedesignerin Iris van Herpen. Zusammen mit Architekten und Wissenschaftlern entwirft sie Kollektionen, die nur mithilfe von 3D-Druckern herzustellen sind – es ist Mode, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Da sind nahtlose Silkonkleider, Jacken, die aussehen wie aus Schläuchen gewunden oder Plexiglas-Krägen, die wirken als wäre da grad ein Wassertropfen beim Aufprall in der Bewegung eingefroren. Gedruckt werden die Kleider bei der belgischen Firma Materialise. Solche Spezialanbieter ermöglichen auch die Produktion von Objekten, die anders kaum Marktchancen hätten. So entwarfen die New Yorker Designer Tom Gerhardt und Dan Provost einen iPhone-Halter namens Glif, mit dem man das Smartphone auf ein Stativ schrauben und als Kamera benutzen kann. Als Erstauflage druckten sie nur 500 Stück und sparten sich damit das Investment in teure Gussformen. Erst als die Nachfrage größer wurde, stellten die Gründer auf traditionelle Serienproduktion um. Ihr Beispiel zeigt auch, dass 3D-Druck andere Produktionsverfahren nicht ablösen, sondern zunächst eine immer größere Nische einnehmen wird.

Zu den spektakulärsten Anwendungen gehört derzeit der medizinische Bereich. So wurde einem Kind in Columbus, Ohio, eine künstliche Luftröhre eingesetzt, die aus biologisch abbaubarem Material gedruckt worden war. Forscher an der amerikanischen Cornell University entwickelten sogar ein Verfahren, menschliche Knorpel herzustellen. Mit einer Bio-Tinte, die menschliche Stammzellen enthält können sie etwa die Struktur eines Ohres ausdrucken. Nach zwei Monaten in einem Inkubator füllen die Stammzellen die vorgedruckte Struktur aus und das Organ kann transplantiert werden.

Am fernen Horizont, so diskutieren es Wissenschaftler, erscheinen noch ganz andere Visionen.  Was wäre eigentlich, so fragen sie, wenn Maschinen Maschinen drucken, die Maschinen drucken? Es wäre ein Designprozess, in dem der Mensch nur noch die Bedingungen, nicht aber das Endergebnis bestimmt. Es wäre der Beginn einer eigenen, maschinellen Evolution und wahrhaftig noch eine, schon wieder eine industrielle Revolution.

 

 

Die Kunst des guten Klimas

Next_SchumacherMuseumNEXT. So Leben wir morgen (Hrsg: RWE) , Heft 2/2013

Das Emil Schumacher Museum in Hagen kann sich sehen lassen – nicht allein wegen der dort ausgestellten Bilder. Es ist eines der ersten deutschen Kunstmuseen mit nachhaltiger Haustechnik. Die genügt sogar den strengen konservatorischen Standards.

Text: Christian Tröster

Dieses Haus ist eine Maschine – und keiner merkt es. Stille herrscht in den Galerien des Emil Schumacher Museums, kühl ist es im Sommer, warm im Winter und klares Licht bringt zu jeder Tageszeit die Kunstwerke zum Leuchten. Starke Farben, kräftiger Auftrag und energiegeladene Striche kennzeichnen das Werk des Hagener Künstlers Emil Schumacher (1912-1999), der den abstrakten Expressionisten zugerechnet wird. Manche Besucher sind so fasziniert von seinen Bildern, dass sie eine Stunde lang davor sitzen und einfach schweigen. Springt dann die Klimaanlage an, hört man: Nichts! „So leise und unsichtbar ist die Haus-Technik“, sagt Matthias Schenk vom Immobilienbetrieb der Stadt Hagen, „dass die Besucher nicht einmal danach fragen!“

Würden sie es tun, würden sie staunen. Vor allem darüber, wie präzise man das Raumklima steuern kann ohne auch nur ein Gramm CO2 in die Atmosphäre zu blasen. „Die Kunstwerke“, erläutert Rouven Lotz, Leiter des 2009 eröffneten Museums, „werden wie Patienten auf der Intensivstation überwacht“ – sie sollen für Generationen bewahrt werden.

Und das ist gar nicht so einfach. „Jede Schwankung von Temperatur und Luftfeuchtigkeit ist schlecht für die Gemälde“, erläutert Restauratorin Diana Vogel. Die Leinwand arbeitet unter dem Einfluß wechselnder Luftfeuchtigkeit und Temperaturen, sie quillt dabei auf, wirft Falten oder spannt. Schlecht daran ist, dass die Farbschicht unter den gleichen Umständen ganz anders reagieren. Das Ergebnis: Zuerst gibt es Risse, dann fällt die Farbe ab. Um das zu vermeiden, muss das Klima in Museums- und Ausstellungsräume viel genauer kontrolliert werden als etwa in Büros. Die Temperatur darf nur um maximal zwei Grad schwanken, die Luftfeuchtigkeit um drei Prozent. Das kostet Energie, denn es verändern sich drumherum nicht nur Wind, Wetter und Sonnenstand, sondern drinnen auch die Zahl der Besucher, die teils in großen Gruppen kommen. So aufwändig ist es, dagegen zu halten, dass einige Restauratoren  schon fordern, die strengen Regeln zu lockern. Als Argument führen sie den hohen CO2-Ausstoß älterer Anlagen an: Kunst oder Klima, das ist hier die Frage!

Das Emil Schumacher Museum hat sie eindeutig beantwortet: beides kann man gleichermaßen schützen, wenn man mit regenerativen Energien arbeitet. „Dabei“, sagt Rouven Lotz während er durch die Galerie voll sonniger, kräftig roter und erdig brauner Gemälde führt, „dabei sind nicht nur wir selber sondern auch die Leihgeber extrem pingelig mit der Kunst“. Die Leihgeber fragen, bevor sie ein Bild herausrücken, nach den Klimaschleusen zwischen LKW und Haus. Sie verlangen für den Transport LKW mit Luftfederung und schließen bestimmte Autotypen aus, weil die nicht gut genug gefedert sind. Und, so hat Rouven Lotz immer wieder festgestellt, sie entscheiden nach Facility Report, also nach der Haustechnik. Wenn Lotz besonders wertvolle Bilder leihen will, muss er nachweisen, dass das Haus präzise klimatisiert ist. „Bislang“, sagt der Direktor, „sind die Leihgeber immer zufrieden“. Sein Haus hat bereits Werke millionenschwere Werke von Emil Nolde, Willem de Kooning und Jean Dubuffet zeigen können.

Wie raffiniert die Haustechnik im Emil Schumacher Museum arbeitet, darauf verweist an dieser Stelle Matthias Schenk. „Hier durch die Rahmen“, sagt er und deutet auf die Fenster im Treppenhaus, „fließt im Winter zwanzig Grad warmes Wasser, dann beschlagen die Scheiben nicht“. Jetzt im Sommer ist es allerdings brütend warm hinter der großen Glaswand. Nur einen Schritt weiter aber, in der Galerie, ist es kühl wie in einem Keller, obwohl beide Bereiche nicht durch eine Tür getrennt sind. Wie geht das denn? „In den Ausstellungsräumen herrscht Überdruck“, sagt Schenk, „die warme Luft aus dem Treppenhaus kommt nicht über die Schwelle“. So elegant kann Klimatechnik heute sein.

Das Herz der Anlage schlägt im Keller, und als Matthias Schenk hier die Tür aufschließt, ist es vorbei mit der Ruhe. Hier unten bullert eine riesige Maschinerie auf insgesamt 700 Quadratmetern. In kilometerlangen Rohren wälzt sie Luft und Wasserströme durchs Haus. Jede Wand ist mit Kupferrohren für Warm- und Kaltwasser bewehrt, jede Decke, viele Schattenfugen und manche Stützen haben Öffnungen für Zu- und Abluft. Zusammen ergibt das einen komplizierten Kreislauf, in dem ein Ausgleich zwischen Wärme und Kälte, zwischen verbrauchter und frischer, zwischen winterlicher Kaltluft und sommerlicher Warmluft hergestellt wird. Das Nachhaltige daran ist, dass die Energie dafür tief aus der Erde kommt. Um das Wasser zu temperieren wird es 99 Meter in den Untergrund gepumpt. Dort ist es im Sommer kühler und im Winter wärmer als an der Erdoberfläche, die Differenz ist der Gewinn für das museale Klima. Wieder oben wird das Wasser genau dosiert in Galeriewände und Fußböden geführt. Ähnlich wird mit der Luft verfahren. Für sie gibt es einen umlaufenden Kellergang von hundert Meter Länge – der sogenannte Erdwärmetauscher. Die gesamte Zuluft für das Haus wird hier hindurchgeleitet und so temperiert – ganz primitiv mit der Temperatur der Erde, die man auch in jedem privaten Keller als kühl (im Sommer) oder warm (im Winter) empfindet. „Dieser Betonkanal“, erläutert Matthias Schenk, „bringt jeweils 4 Grad Temperaturveränderung“ – und spart entsprechend Energie. Die Liste der technischen Anlagen im Hagener Museum ließe sich noch lange fortsetzen, von Lamellen für die Verschattung des Glasdaches über Photovoltaikpaneel und Wärmepumpen bis zu 400 Zonenventilen, die dafür sorgen, dass die benötigten Energien immer dort ankommen, wo sie benötigt werden. Das Museum verbraucht auf diese Weise keine fossilen Brennstoffe, es arbeitet zu hundert Prozent mit regenerativen Energien. „Der ganze Aufwand, nur für Temperatur, Frischluft und Luftfeuchtigkeit“, lacht Matthias Schenk, „das ist für Laien schwer zu verstehen“. Für Fachleute leider auch. Auch zwei Jahre nach der Eröffnung krankt das System an Kinderkrankheiten, es gibt Streit mit Herstellern und Handwerksfirmen. Doch dass auch diese Probleme irgendwann gelöst sein werden, ist sich Matthias Schenk ganz sicher. Woanders, etwa im Kunstmuseum Kolumba in Köln, funktioniere das System schließlich auch:„Wenn die Mängel beseitigt sind, haben wir eine erfreuliche Technik“, sagt Schenk, „das ist sowas von komplex, einfach gigantisch!“ Nur Direktor Rouven Lotz dämpft seine Begeisterung, jedenfalls ein ganz kleines bisschen. „Das Gebäude“, stellt er seine Position zu der Sache klar, „ist ja nicht für die Klimarettung errichtet worden, sondern um die Gemälde zu konservieren. Das Energiesparen ist nur ein Zusatznutzen“.

 

Voilà – Deutsch-französisches Design

D-F_DesignGalleria Messe Frankfurt Magazin 1/2013

1963 trafen sich Adenauer und de Gaulle, um zwischen ihren Ländern die alte Feindschaft zu begraben und das Gespräch zu eröffnen. Dieser Geist wirkt noch heute – auch im Design.

von Christian Tröster

Er war eine Ikone deutschen Designs: Der Mercedes „/8“ , gesprochen Strich-Acht. Er wurde mehr verkauft als alle anderen Daimler Modelle der Nachkriegszeit zusammen, prägte das Bilder der westdeutschen Straßen in den Siebzigern und wurde zum Inbegriff deutschen Designs weltweit. Nur, den Strich-Achter hatte ein Franzose entworfen. Der hieß Paul Bracq, hatte als junger Mann bei Citroen gearbeitet und war 1957 nach Sindelfingen gewechselt. „Bracq brachte“, so Klaus Klemp vom Museum für angewandte Kunst in Frankfurt, „französische Eleganz ins deutsche Autodesign“. Neben dem „/8“ gestaltete er auch den Mercedes 600 und den sogenannten Pagoden-SL: legendäres Design und das Ergebnis deutsch-französischer Kooperation.

Die Arbeit des Designers, der später auch noch für Peugeot und BMW arbeiten sollte, ist vielleicht der schönste Beweis dafür, dass der Élysée-Vertrag von 1963 mehr war als ein folgenloser Akt von Bürokraten. Er war der Meilenstein eines wachsenden Austausches und Zeichen immer dichter werdender Beziehungen. Und, das natürlich auch, ein politisches Wunder nach drei erbittert geführten Kriegen.

Heute, am fünfzigsten Jahrestag des Élysée-Abkommens, arbeiten deutsche und französische Designer so selbstverständlich für Firmen des Nachbarlandes, als wäre es nie anders gewesen. Dafür steht nicht nur Karl Lagerfeld, der zum Monument deutsch-französischer Inspiration geworden ist, sondern auch zahlreiche bekannte und unbekannte Designer im Alltag. So hat Torsten Neeland Objekte für das Pariser Designlabel Mouvements Modernes entworfen, Michael König eine Uhr für Ligne Roset und Mathias Hahn eine Lampe für den gleichen Hersteller. Im Gegenzug arbeiten aus Frankreich Patrick Nadeau und Jean-Marie Massaud für die deutsche Haushaltswarenmarke Authentics, Christophe de la Fontaine entwarf für Rosenthal das Service „Format“, bei Vitra sind Produkte der Gebrüder Bouroullec im Programm. So intensiv ist der Austausch geworden, dass darüber die nationalen Traditionen zu verschwimmen drohen, nicht nur zwischen den beiden Nachbarländern. Schließlich leben viele der genannten Designer in Mailand oder London und produzieren auch für Auftraggeber in China und den USA. Gibt es also in einer globalisierten Wirtschaft noch ein deutsches und französisches Design?

Ganz gewiss, findet Klaus Klemp. Der Kunsthistoriker hat gerade eine Ausstellung über Haushaltsgeräte französischer Designerinnen im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst organisiert und sagt: „In Frankreich sind die Wohnungen ein wenig anders eingerichtet als bei uns, da gibt es noch viel mehr Dekorationen. Da lebt noch das Barock und eine katholische Tradition. Es gibt eine Freude an Farben, Formen und auch ein Bewußtsein für Vergänglichkeit. Bis heute kommen viele große französische Gestalter vom Interior-Design. Philippe Starck hat zuerst Hotels eingerichtet.“ Das deutsche Design dagegen sieht Klemp eher vom Protestantismus geprägt: „Da will man Dinge auf ihre Grundformen zurückführen und etwas für immer und ewig erfinden“. Dieser Einschätzung stimmt auch Olivia Putman zu. Die Designerin, Tochter und Nachfolgerin der großen Andrée Putman, kuratiert auf der Ambiente 2013 eine Schau über aktuelles Design aus ihrer Heimat und sagt: „Viele französische Designer verbinden das Können von Kunsthandwerkern mit der Kreativität modernen Designs. Das erlaubt eine Vielzahl von Oberflächen und führt zu einem breiten Ausdrucksspektrum“. Das deutsche Design sieht sie ganz anders positioniert: „Es steht für Genauigkeit und Qualität“, historisch in Positionen von Peter Behrens, Mies van der Rohe und Dieter Rams: „Ich liebe die Intelligenz ihrer Arbeiten. Sie schaffen eine Balance zwischen Effizienz, Schönheit und Funktionalität“.

Putmans Verweis auf die Vorkriegsmoderne zeigt auch, dass es bereits lange vor dem Élysée-Vertrag einen wechselseitige Inspiration gab – trotz der Feindschaft beider Länder auf politischer Ebene. Le Corbusier hatte 1910 bei Peter Behrens ins Berlin hospitiert und dort auch Walter Gropius und Mies van der Rohe kennengelernt. Der Austausch zwischen ihnen fand seinen Ausdruck später in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. An dem Wohnungsbauprojekt arbeiteten 1927  Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier zusammen und schufen, gemeinsam mit Architekten aus Holland, Belgien und der Schweiz ein Ensemble, das wie kein anderes zuvor den Geist der Moderne materialisert. In nur 21 Wochen Bauzeit entstanden 21 kubische Häuser mit insgesamt 63 Wohnungen, wobei die Architekten nicht nur für das Bauen, sondern auch für die Einrichtung der Wohnungen verantwortlich waren. Gemeinsamkeiten zeigen sich hier bei den Stahlrohmöbeln von Charlotte Perriand und denen von Marcel Breuer und Mies van der Rohe.

Nach dem Krieg wurde französisches Design in Deutschland vor allem mit Mode assoziiert, eine Idee, der auch die Verpflichtung des Modedesigners Pierre Cardin für die deutsche Porzellanmarke Hutschenreuther folgte. 1985 entwarf er für die Firma das Service Maxim’s de Paris. Doch dieses grenzüberschreitende Engagement wirkte wie aus der Zeit gefallen. Sowohl für Cardin als auch für den Porzellanhersteller lagen die großen Zeiten schon zwanzig Jahre zurück. Die Zukunft gehörte anderen. Der aufsteigende Stern jener Jahre hieß Philippe Starck, der da gerade die Privaträume des damaligen Präsidenten Mitterand im Elysée-Palast ausgestattet hatte. Das war für ihn der Startpunkt einer weltweiten Karriere, zu der bis heute, ganz selbstverständlich, auch viele Produkte für deutsche Firmen gehören.

Der Élysée-Vertrag

Vielleicht bedurfte es zweier besonders großer Politiker um etwas besonders Einfaches zu beschließen: Miteinander zu sprechen. Denn das, was Konrad Adenauer und Charles de Gaulle 1963 im Élysée-Palast, dem Amtsitz des französischen Präsidenten, unterschrieben, war keine Beschreibung gegenseitiger Zahlungen oder Verpflichtungen. Sondern vor allem das Versprechen, von nun an regelmäßig miteinander zu reden. Die Minister beider Länder, voran die Außenminister, sollten sich von nun an alle drei Monate zusammensetzen und über Außen-, Sicherheits-, Jugend- und Kulturpolitik sprechen – eine Maßmahme, die wahre Wunder für den Frieden und die europäische Einigung bewirkte. Zwar hatte die deutsch-französische Aussöhnung schon früher begonnen“, erinnerte sich der deutsche Außenminister Dietrich Genscher, „aber es war ein ganz entscheidender Meilenstein, weil nun dieser Beziehung eine langfristige Ausrichtung gegeben wurde. Die Erwartungen, die man damals mit diesem Vertrag verbunden hat, haben sich voll erfüllt“.